Wir haben die Themenblöcke zu unseren Resümees vorab abgestimmt, die Texte hierzu aber unabhängig verfasst.


Der Weg

Rudi

Ein Weitwanderer und Freund erzählte mir von diesem Weg. Ich fühlte mich sofort angesprochen, gefesselt und lustvoll diese Herausforderung anzunehmen. Martin war rasch überzeugt. Ich hatte nie Zweifel, dass wir aufgeben würden, nicht mehr weitergehen würden, einzig, wir können einfach nicht mehr, weil irgend ein Fuß oder Gelenk zu viel schmerzt.

Ob ich täglich mit dem rechten Fuß den ersten Schritt gesetzt habe, darauf habe ich nicht geachtet, aber es war sicherlich ein entschlossener Schritt. Wie im Leben, wir können uns mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken anders entscheiden, ob wir weiter gehen/machen. Ein definiertes Ziel ist hierbei sicherlich von großer Hilfe. Ob das Ziel weiter sinnvoll ist, ist immer wieder einmal zu überprüfen.


Der Weg war zäh, besonders die vielen Straßenkilometer, besonders die vielen steilen Anstiege am Etappenende zu den Orten/Städten, die aus strategischen Gründen vor langer Zeit auf Berghügeln gesetzt wurden. Aber es gab auch die schönen Wegabschnitte, längere schattige Waldpassagen und vor allem die einzigartigen Wege durch die steilen Tuffwände in der Gegend von Sorano und Pitigliano.

Als Gefahren am Weg stellten sich die wild und aggressiv bellenden Hunde heraus. Bis auf zweimal waren sie jedoch hinter sicheren Zäunen.


Aufgrund der gefühlten 75% Straßenführung bekommt der Weg bei mir nur ein 😐.

Martin

Das Wichtigste!

Eigentlich geprägt von schönen Landschaften müssen sich die Wege schon ein paar Kritikpunkte gefallen lassen:

Markierungen gab es immer wieder, aber eher willkürlich als konsequent. Ohne GPS und App, die die Richtung vorgab, hätten wir kiloweise Wanderkarten gebraucht.

Dass wir ein paar Mal in Brombeerhecken und ähnliche Unwegsamkeiten gelotst wurden, kann man nach Lust und Laune wem auch immer in die Schuhe schieben und zeitgleich als Ärgernis empfinden oder als zusätzliche Würze schönreden, immerhin ist es jedesmal noch gut ausgegangen.

Der Anteil an verkehrsreichen Straßen war zu hoch und für - auch in dieser Hinsicht - verwöhnte Österreicher gab es insgesamt zu wenig Sitzgelegenheiten oder g'standene Jausenplatzln.

Von Ost nach West wurde das entweder tatsächlich besser oder der Blick schärfer oder der Anspruch niedriger.

Was das Geherlebnis unabhängig von der Landschaft betrifft, boten vor allem die letzten Tage Wegabschnitte, die 10/10 Punkten verdienen, das heißt, optisch bis olfaktorisch, vom Untergrund bis zur Sanftheit von Gefälle/Anstieg keine realistischen Wünsche offen ließen.

Insgesamt bin ich aber letztlich strenger:

6/10


Die Erfahrungen

Martin

Körperliche Erfahrung

Jo mei...

Zunächst tat alles weh, was der ungewohnten Bewegung nicht gewachsen war, dann wuchs die Fitness, aber gleichzeitig machten sich Abnützungserscheinungen bemerkbar.

Trotzdem zufrieden!

Unter Einbeziehung des auch während des Fortschreitens fortschreitenden Alters gebe ich großzügige 8/10

Kuriosum am Rande:

Die in Wien umsichtig eingegangenen Bergschuhe machten am ersten Tag die weitere Benützung unmöglich. Erst am letzten Tag hatte ich das Gefühl, Schuh und Knöchel könnten wieder miteinander, aber da waren die leichten Zweitschuhe schon so zurechtgewandert, dass ich es auch am Bonustag dabei belasse:

Wandern in Laufschuhen mit Patina, Abendessen in blitzblanken Wanderschuhen.

Mentale Erfahrung

... lässt sich teils nicht von der körperlichen Erfahrung trennen, denn immer wieder addieren sich die Kilometer eher im Schneckentempo zur Endsumme und dann lassen sich Anzeichen von Erschöpfung nicht so leicht der körperlichen oder seelischen Seite zuordnen.

Abgesehen davon war reichlich Zeit für Dialog und Nachsinnen in alle Richtungen - immerhin befanden wir uns auf historischem Boden, leben auch selbst in bewegten Zeiten, sind beide am Weltgeschehen interessiert und kommunikativ schon gut eingespielt.

Wie sich die Erfahrung dieser vieltägigen Wanderung unter dem Titel 'costa a costa' langfristig einprägen wird, bin ich gespannt! Während der Wanderung war die Auseinandersetzung mit dem Sinn des Wanderns, des Lebens und des öffentlichen Verkehrs natürlich Dauerthema.

Nur im Vergleich zu faktisch oder potentiell noch existentielleren Erfahrungen ergibt das insgesamt 7/10.


Rudi

Körperlich ging es mir die 19 Tage eigentlich sehr gut. Eigentlich hatte ich geplant Tagespausen in der Mitte und gegen Ende eingeplant, aber Martin war der Durchzieher. Ab der Mitte spürte ich dann immer wieder einmal meine Hüftpfannen bzw. Die dazugehörigen Gelenkskugeln, aber das verging sich dann auch wieder. Die Beine wurden sicher ab der Mitte deutlich schwerer. Die ersten Tageskilometer fühlten sich etwas schwerfällig an, auch das verging sich dann beim Weitergehen.

Meine mentalen Erfahrungen habe ich großteils oben zum Weg dargelegt. Als Essenz sei nochmals das als sinnvoll erkannte Ziel in den Vordergrund gestellt. Das hilft, zumindest mir.

Die Erfahrungen bekommen von mir ein 😃.


Die Städte

Rudi

Die Dörfer und Städte haben mich allesamt fasziniert. Durchgehend waren sie hoch oben auf markanten Hügeln, mit großen, mittelalterlichen Strukturen, je nach vergangenen Jahren zur letzten Renovierung in gutem oder schlechterem Zustand. Viele Häuser wirkten verlassen, Kurzzeitvermietung an Touristen ist eine offensichtliche Erhaltungsmöglichkeit. Vielfach waren diese Appartments sehr liebevoll renoviert. Doch die Dunkelheit in diesen engen Gassen ist sicherlich für viele der Grund, nicht zu bleiben.

Zu meiner Lieblingsstadt zähle ich Todi. Todi ist größer und besitzt noch vitale Strukturen abseits der wenigen Touristen.

Die Städte bekommen von mir ein 😃.


Martin

Auch an knapp zwanzig ähnlich konzipierten Städten konnte ich mich nicht so weit satt sehen, dass Langeweile aufkam. Immer wieder trifft man auf neue Varianten an verwinkelten Durchgängen, engen Treppen, verspielten Bögen, Erkern und Balkonen, die aus Gutmütigkeit noch nicht in den dräuenden Abgrund gerutscht sind.

Traurig machen die allgegenwärtigen 'Vendesi'-Schilder, aber die verbliebene Bewohnerschaft hält in manchen Städten kraftvoll dagegen und dann wirkt auch eine 3000-Seelen-Gemeinde lebendig.


Das Ranking versuche ich erst gar nicht:

Was darf ich mir bei einer Nächtigung pro Stadt anmaßen, welche Zufälle spielen eine Rolle (die einen haben gerade Markttag oder Hundeevent oder ein Festival, die anderen nicht, das anfängliche Entzücken über die städtebaulichen Besonderheiten weicht einer gewissen Erwartungshaltung, die ohnehin nicht enttäuscht, immer wieder aber overruled wurde).


Die Sauberkeit

Martin

Die meisten Städte waren sehr gepflegt und sauber, die meisten Wege zumindest nicht mehr zugemüllt, als ich das von anderswo kenne, wobei einerseits jedes Stück Müll eines zu viel ist, andererseits das schwer diesen Wegen oder irgendwelchen formal Verantwortlichen anzulasten ist, sondern geistig zu kurz gekommenen und moralisch verderbten Wandersleuten, unabhängig von der Anzahl an Mistkübeln, wobei ich in diesem Zusammenhang noch jene Mülltrenninseln hervorheben möchte, die an so manchen Kreuzungen zu finden waren, wo ich in Österreich keine erwarten würde.

Also

Städte: 9,7 von 10

Wege: 7,9 von 10


Rudi

Die Städte sind alle vorbildlich sauber und aufgeräumt. Mülltrennung bzw. Wertstofftrennung ist durch die getrennten Behälter überall präsent.

Ausserhalb der Städten, neben den Wegen bzw. Straßen ist die Situation eine gänzlich andere. Plastik, Aludosen und Glasflaschen säumen den Weg. Bei Stadtnähe oft dramatisch. Ich denke in Österreich sind die Städte nicht so sauber, aber der Straßenrand definitiv nicht so verunreinigt.

Die Sauberkeit bekommt von mir ein 😃 bzw. ☹️.


Die Quartiere

Rudi

Da wir immer nur eine Nacht geblieben sind und auch morgendlich keine Stunde vergeudet haben, lag unser Fokus auf günstigen Quartieren, idealerweise mit Schlafmöglichkeiten in getrennten Zimmern. In manchen Orten mussten wir froh sein, überhaupt etwas zu finden, einmal mussten wir die Tagesetappe an das Quartier anpassen. Grosso modo waren die Unterkünfte sehr okay und jedenfalls (bis auf eine Ausnahme) ihr Geld wert. Dreimal übernachteten wir in Hotels, sonst in Privatappartements.

Die Quartiere bekommen von mir ein 😃.


Martin

Da war 'von-bis' alles dabei, jeweils am Preissegment zu messen, das wir bevorzugten und das 'von' nie katastrophal und das 'bis' immer wieder sehr erfreulich war!

In der Sprache von booking.com bedeutet das dann etwa 8,5/10


Das Essen

Martin

Da könnte ich den vorigen Absatz sinngemäß kopieren!

Anmerken möchte ich, dass sich ein paar Stunden Wandern (un?)günstig auf den Appetit auswirken und die immer wieder auch objektiv auf das Notwendigste beschränkte Portionsgröße schmerzlich spürbar machten.

Weiters möchte ich der Kühnheit Respekt zollen, mit der die Salzfreiheit im Brot zelebriert wird. Für, wie schon erwähnt, in mancherlei Hinsicht verwöhnte Österreicher ist Brot ohnehin ein Feld, wo die Leidensfähigkeit quasi weltweit strapaziert wird, aber das macht ja nichts, wenn man ohnehin wieder nach Hause darf, drum kann man's mit uns ja machen.

Was der Fiat auf den Straßen ist, ist Nutella im Essen:

Allgegenwärtig, irgendwo zwischen reichlich und zu viel. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich hoffen, dass hier eine Entwöhnungskur initiiert wurde...

Dass man in Italien Schwierigkeiten mit dem Kochen von Nudeln und Reis hat, setze ich als bekannt voraus und betrachte es als Schrulle, das nationale Selbstverständnis an übertriebener Bissfestigkeit von Grundnahrungsmittel aufzuhängen.

Ohne irgendeinen kulinarischen Genuss durch die Gesamtwertung mit Undankbarkeit herabwürdigen zu wollen, ergibt das cum grano salis 8,5/10.


Rudi

Also wer in Italien nicht gut isst, ist selbst schuld! Oder er/sie ist mit der Speisekarte überfordert und gibt auf. Da heißt es einfach dranbleiben und sich durchschlemmern! Mein Fokus galt, verständlicherweise, dem Abendessen. Mit vollem Bauch geht es sich ja nicht so gut. Leider war Martin kein Partner zum freundschaftlichen, alkoholischen Prost, aber ich habe es auch mit dem Sologenuss ganz gut ausgehalten. Die Preislage war sehr günstig, nicht nur bei Kaffee und Wein, sondern auch bei Bier. Der Hauswein, ob weiß oder rot, war durchwegs sehr gut.

Das Essen bekommt von mir ein 😀😃.


Was ich von meinem Wandrerkollegen gelernt habe!

Martin

Rudi ist sicher zu mehr Freude, Genuss und die zugehörige Verbalisierung fähig. Manchmal konnte ich ein Stück mit und hatte unversehens auch ein Lied auf den Lippen.

Es ist ja nicht so, dass ich blind bin für das Schöne und Gute, aber Rudi ist zu mehr Euphorie bereit und ich habe den Verdacht, dass das weniger Energie kostet, als es erzeugt


Rudi

Martin hat mich ein neues Level von Achtsamkeit gelehrt, nicht schulmeisternd, sondern durch sein Beispiel.

Weiters die zwei Sprichworte:

Erst bei 90% ist man in der Hälfte (aus dem Chinesischen).

Die Sau wird nicht vom Wiegen fett.

Sehr geschätzt habe ich den ruhigen und respektvollen Austausch von Argumenten in unseren langen und fokusiert gebliebenen Gesprächen.